Kategorie: Allgemein

elf28

Ein kleines blaues Lämpchen, oben in meinem Smartphone zeigt es mir regelmäßig an. Meine alerts haben wieder etwas gefunden. Oft geht es dabei auch um Datenjournalismus, Datenvisualisierungen oder entsprechende Tools. Dabei werde ich fast schon automatisch mit der Nase auf datenjournalistische Projekte gestoßen. Was mich in diesem Monat aber besonders neugierig gemacht hat, war nicht etwa ein neues Projekt der NYT oder des Guardian (wobei es da auch Schönes gab), sondern eins von jungen Journalisten, die sich mit dem Thema bislang vielleicht noch gar nicht beschäftigt haben. Elf28.net entstand in einem Crashkurz zum multimedialen Storytelling.

elf28

Schon die Ankündigung des Seminars hat mich sehr gefreut, denn damit hat die Journalistische Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung gezeigt, dass sie diesen spannenden Weg mitgeht. Dafür konnte man mit Marco Maas auch einen Trainer an Land ziehen, der weiß, wovon er spricht. Das sieht man dem Ergebnis an. Besonders gefällt mir die bewusste Wahl der Mittel. Egal ob Gephi, datawrapper oder fusion, für die einzelnen Themen wurden in meinen Augen stets angemessene Tools angewandt. Und wieder einmal zeigt sich: es muss nicht immer alles unfassbar kompliziert sein. Wenn ich darstellen will, wie sich die Prioritäten der Jugend in den letzten Jahren verschoben haben, braucht es nicht mehr als ein Balkendiagramm mit der richtigen Beschriftung. Reinlesen lohnt sich.

Ein doppeltes Plus für den Journalismus

Im Rahmen meiner Bachelorthesis hatte ich das Glück, einen tieferen Einblick in führende deutsche Online-Redaktionen zu erhalten. Ich wollte herausfinden, wie man im Einzelnen den Entwicklungen des digitalen Wandels begegnen will. Dabei habe ich viel Erfreuliches gehört, andere Sachen haben mich hingegen stutzig gemacht. So stand das Thema Datenjournalismus bei den meisten Redaktionen hoch im Kurs, die tatsächliche Umsetzung war aber ernüchternd (Datenjournalismus sei nett, aber zu kompliziert, zu teuer, zu verspielt…).

Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob der Datenjousnalismus zu teuer und zu kompliziert ist, oder ob hier Hürden gemieden werden, die nicht so hoch sind, wie sie vom Newsroom aus zu sein scheinen.

Der Wille allein reicht nicht aus

Das ist allerdings eher den unbeweglichen Strukturen in manchen Verlagen geschuldet. Wenn man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen will, müssen gewisse Leute überzeugt werden, in die Redaktionen zu investieren. Dafür ist schließlich kein komplettes Aufbrechen der alten Strukturen notwendig.

Auch für professionellen Datenhournalismus braucht es keine Armee an Helfern, die sich über Monate an ein einzelnes Projekt setzen, wie es zum Beispiel beim Snowfall-Projekt der New York Times der Fall war. Ein Journalist, ein Programmierer und ein Web-Designer – so könnte ein  schlagkräftiges ddj-Team aussehen. Ein weiteres Argument, warum Redaktionen hier meiner Meinung nach schnell umdenken müssen, sonst tun das andere.

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Mirko Lorenz – information architect

Andere, die sich mit viel Überzeugung dem Thema Datenjournalismus widmen. Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist information architect Mirko Lorenz. Auf data16.de hat er schon deutlich gemacht, was Datenjournalismus für ihn bedeutet. Mit dem datawrapper hat er ein mittlerweile etabliertes Tool mit aufgebaut, mit dem viele namhafte Redaktionen Daten visualisieren.

Jetzt ist Lorenz einen Schritt weiter gegangen. Zusammen mit Cosmin Cabulea hat er vor wenigen Tagen eine neue Filiale von Journalism++ in Köln an den Start gebracht. Journalism++ ist ein Netzwerk, dass man definitv im Auge behalten sollte.

Die Kölner Filiale ist der neueste Ableger einer interessanten Entwicklung. Weitere existieren in Stockholm, Amsterdam, Paris und Berlin. Dass diese kleinen Teams durchaus schlagkräftig sind, haben sie jüngst auf dem Media Hack Day, einer Springer-Veranstaltung unter Beweis gestellt. Zwei Teams gelang es dort binnen 18 Stunden, zwei funktionsfähige Anwendungen zu erstellen, zum Beispiel Broken Promises, eine Recherche-Tool für Journalisten, mit der man die Einhaltung zuvor gegebener Versprechen prüfen können soll. Verständlicherweise sind die Tools nicht komplett ausgereift, das ist nach so kurzer Zeit aber auch nicht zu erwarten. Das Beispiel zeigt aber, dass man binnen kürzester Zeit, Ideen auf einen guten Weg bringen kann, wofür Redaktionen Wochen oder Monate brauchen, wenn sie es überhaupt angehen.

Besonders gefällt mir die Philosophie hinter der Entwicklung, da heißt es nämlich unter anderem:

Unsere Definition für Journalismus lautet, das Wichtige interessant zu machen, nicht das Interessante wichtig.

Dabei geht es gar nicht darum, das alte Redaktionen-Konzept zu verdrängen. J++ denkt aber weiter. Man hat erkannt,

das Journalismus nicht nur in Redaktionen stattfindet. Guter Journalismus lässt auch mit Institutionen, Unternehmen und anderen Gruppen produzieren, die eigentlich keine Medien sind oder bisher so gearbeitet haben.

 

Der Branche würde es allgemein gut tun, wenn mehr Journalisten so denken würden. Möglichkeiten der Fortbildung gibt es immer mehr. Sei es durch kostenlose MOOC-Webinare oder durch das neue Angebot von Journalism++ .

Von der Pike auf

Oh, Journalisten spielen keine so große Rolle mehr. Was auf Facebook und Twitter diskutiert wird, ist inzwischen wichtiger.

Es ist ein düsteres Bild, dass Regisseur Ari Folman in einem Zeit-Interview zeichnet. Düster, aber absolut nicht neu. Immer wieder geht der Journalismus in allen möglichen Zukunftsprognosen vor die Hunde, ein General-Pessimismus, den ich ehrlich gesagt nicht mehr hören kann. JA, das Internet hat viel verändert (und nicht erst seit vorgestern) und JA, man muss sich an veränderte Bedingungen anpassen. Warum auch nicht?

Zum Glück gibt es nicht nur Pessimisten. Gerade unter den Journalisten, die sich für Datenjournalismus interessieren, überwiegt scheinbar die Aufbruchstimmung, weil man da schon lange erkannt hat, dass neue Bedingungen eben auch neue Chancen mit sich bringen. Die Denkweise haben sicher nicht die Datenjournalisten exklusiv, aber dem Thema widme ich mich auf diesem Blog natürlich bevorzugt.

Gerade auch durch data16 komme ich oft mit Kollegen ins Gespräch über Daten, Visualisierungen, neue Möglichkeiten und alles, was damit zu tun haben könnte. Viele sind dabei durchaus offen für Neues, lassen sich aber häufig von Sprachbarrieren abschrecken. Auch Studiengänge, die sich mit Datenjournalismus beschäftigen sind etweder zu speziell oder einfach zu teuer. Damit ist das Thema dann oft schon wieder durch. Das ist meiner Meinung nach ein großer Fehler, denn es muss kein Masterstudum her, um sich in die Materie einzuarbeiten.

Ich selber nehme zum Beispiel derzeit an einem MOOC-Seminar teil. Dabei unterrichten Datenjournalismus-Experten – etwa von ProPublica oder der New York Times- mit Fallbeispielen, Erklärvideos und Tests. Das Ganze kostet nichts und hat alleine schon den Vorteil der möglichen Vernetzung mit den über 3.000 Teilnehmern.

Ein weiteres Beispiel ist dieser Blog hier. Warum nicht einfach mal gemeinsam ein Projekt umsetzen? Eine erste Zusammenarbeit hat sich in den letzten Monaten schon angekündigt. Je mehr Interessierte mitmachen, desto besser.

Die Zeit ist da, man muss sie sich aber auch nehmen.

Fleischeslust

817 Gramm pro Woche- das ist die durchschnittliche Fleischmenge, die 2012 jeder Mensch der Erde verzehrt hat. Klingt erstmal nicht unangemessen viel, wenn man aber alle Vegetarier berücksichtigt und außerdem die Tatsache, dass in vielen Schwellenländern die Hürden für den Fleischkonsum sehr hoch sein können, wirft das ein anderes Bild auf die nackten Zahlen. Tatsächlich wurde noch nie soviel Fleisch konsumiert, wie im letzten Jahr – über 300 Mio. Tonnen. Wenngleich sich in den Industrienationen eine scheinbare Entwicklung zum bewussten Konsum abzeichnet, steigen die Zahlen in Entwicklungsländern rapide an. Um eine Einordnung der Zahlen soll es hierbei aber gar nicht gehen, vielmehr habe ich mich in diesem Monat mal an einer Übersichtsgrafik versucht, die Einwohnerzahlen und Fleischkonsum der einzelnen Kontinente vergleicht.

 


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Datenjournalismus im TV

Data16 soll nicht nur informieren, hier darf auch gerne diskutiert werden. Heute geht es darum, ob Datenjournalismus auch für Fernsehjournalisten interessant sein kann.

Vor einiger Zeit hieß es auf dem Trendforum TV der RTL-Journalistenschule,”dass sich vieles von dem, das im Internet zurzeit erfolgreich ist, auf das Fernsehen nur bedingt und mit viel Aufwand übertragen lässt.” Als positives Beispiel wurde aber “The Joy of Stats” der BBC genannt, ein Beitrag, in dem gelungene Datenvisualisierungen im TV vom Moderator vorgestellt werden. Die Idee ist also nicht neu, nun aber in Deutschland angekommen. Genauer gesagt beim MDR.

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Mit dem Titel : “Exakt-so leben wir” gab es am 1. Mai den ersten Versuch, Daten im TV spannend aufzubereiten. Morgen Abend geht es mit dem Thema Verkehr in Runde Zwei. Was ist das? Eine längst überfällige Ergänzung im Info-Fernsehen, überflüssige Visualisierung im falschen Medium? Welche Meinungen gibt es zu dem Thema?

Kenia arbeitet sich gesund

Immer noch ist das Gesundheitswesen Kenias für europäische Verhältnisse mangelhaft, politische Entscheidungen haben aber zu merklichen Veränderungen geführt.

Die Regierung hat seit 2003 auf Grundlage eines modernen tragfähigen Strategierahmens umfassende Reformen eingeleitet, um diese Probleme anzugehen. Das komplexe Reformpaket geht in angemessener Weise auf Ungleichheiten in Bezug auf Armut und Gender ein und setzt grundlegende menschenrechtliche Prinzipien um.

Das Zitat stammt von der deutschen Botschaft in Kenia und kann von einem Datensatz gestützt werden, den ich Eurostat entliehen habe. Mit folgenden Grafiken soll zunächst einmal deutlich werden, wie schnell man Daten anschaulich gestalten kann. Als Tool dient in dem Fall many eyes. Wie wichtig die Auswahl der richtigen Darstellungsform ist, soll das erste Beispiel demonstrieren. Zwar ist es relativ einfach, sich die Excel-tabelle selbst zu erstellen und diese im Visualisierungstool zu integrieren. Eine ansprechende Grafik ist damit aber noch nicht garantiert (siehe Abb.1). Ansprechender finde ich in diesem Fall den Verzicht absoluter Zahlen und die Darstellung des selben Sachverhalts im Verhältnis (Blasen-Grafik). Wer sich selber ein Bild machen mag, einfach auf interagieren klicken und unten durch die Reiter blättern (derzeit gelangt man über den Comment-Knopf in die interaktiven Elemente).
Die beiden Grafiken entstanden in den wenigen Momenten ungestörten Internetzugangs in Kenia. Sicherlich sind sie gestalterisch noch ausbaufähig, aber dennoch lässt sich so meiner Meinung nach gut zeigen,
- dass langweilige Daten durch ansprechende Visualisierung spannender gemacht werden können.
– dass man nicht programmieren lernen muss, um Datenjournalismus anzugehen.
– dass es nicht ausreicht, zu visualisieren. Man muss für jeden Datensatz einen interessanten Weg finden. In diesem Fall könnte man auch einfach auf Grund der zuletzt hohen Relativwerte Kenias die Entwicklungen im Gesundheitswesen recherchieren, um der Steigerung der Lebenserwartung auf den Grund zu gehen.

 

This is Africa, too!

Motiviert von meinem derzeitigen Bürostandort, beschäftige ich mich heute mit dem „wilden Osten“ Afrikas. Da gibt es nämlich ein paar sehr interessante Beispiele, die deutlich machen, dass es keine High-End-Technik oder große Investitionen braucht, um sinnvollen und gehaltvollen Datenjournalismus zu praktizieren.

DDJ für Demokratie

Die Präsidentschaftswahlen waren vor kurzem noch in aller Munde. 2007 hat es im Anschluss an die Wahlgänge schlimme Auseinandersetzungen gegeben. Resultat waren über 1.000 Tote. Weit mehr als eine halbe Millionen Menschen mussten fliehen. Umso gespannter blickte die Welt vor einigen Wochen auf das ostafrikanische Land. Aber um faire Wahlen durchführen zu können, muss natürlich jeder Bürger überhaupt eine Wahlmöglichkeit haben. Nun ist Kenia infrastrukturell nicht zu vergleichen mit mitteleuropäischen Standards. Viele Kenianer wissen noch nicht mal, wo sie wählen gehen können. Eine unabhängige Wahlkommission hat zwar ein PDF herausgegeben, in welchem alle 210 Standorte von Wahllokalen aufgelistet werden. Dies war allerdings in seiner Komplexität nicht für die breite Masse geeignet. Das haben David Lemayian und Simeon Oriko gemerkt und binnen 24 Stunden und für weniger als 500 US-Dollar eine Webseite auf die Beine gestellt, die die komplizierten Daten für die kenianische Wählerschaft mundgerecht zubereitet hat.

http://gottovote.co.ke/

 

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Nie zuvor war die Wahlbeteiligung in Kenia so hoch    kas.de

Damit haben die Macher nicht nur mit wenig Aufwand der Demokratie in Kenia unter die Arme gegriffen, sie haben auch dem Datenjournalismus weltweit einen Gefallen getan. Immerhin haben sie einmal mehr nachgewiesen (auf den Punkt gebracht vom internal journalist´s network):

 

–          Open-Data-Projekte sind keine Frage des Geldes.

–          Man braucht nicht zwingend große Programmier-Teams

–          Einfache Ideen können zu starken Ergebnissen führen.

Datenjournalismus Alaaf!

datenlokal.org

datenlokal.org

Man könnte jeden Monat einen weiteren Beitrag darüber schreiben, dass der Datenjournalismus in den Medien dieser Welt mehr und mehr auf dem Vormarsch ist. Im letzten Post noch hat Mirko Lorenz aufgezählt, für welch namhafte Online-Medien er mittlerweile unterwegs ist. Aber Datenjournalismus kann nicht alleine von der Akzeptanz der Publizisten wachsen. Daten sind das neue Öl und dieser Rohstoff muss eben auch abrufbar sein. Da sind also die Datenlieferanten in der Pflicht, ihren Teil zum Gelingen beizutragen. Mehr und mehr geschieht das jetzt, wenn auch teilweise noch sehr zögerlich.

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Die Stadt Köln scheint hier die Zeichen der Zeit verstanden zu haben und gibt zumindest schon einmal den richtigen Weg vor. Das ist deswegen so interessant, weil die Kölner zumindest in ihrer Außendarstellung nicht gerade zu den Pionieren städtischen Fortschrittsdenkens gezählt werden. Für alle, denen die Stadt nicht so vertraut ist, hier eine recht treffende Beschreibung der Mentalität in der Domstadt- aber das nur am Rande. Beim Thema open data möchte die Millionenstadt nun offenbar mit gutem Beispiel voran gehen und hat bereits 2012 http://www.offenedaten-koeln.de/  ins Leben gerufen und füllt diese schrittweise mit Inhalt. Das man in Köln dahinter steht, lässt folgendes Zitat des Oberbürgermeisters Jürgen Roters vermuten:

Dieser Prozess ist ein wichtiger Schritt, den Kontakt zwischen den Bürgern und der Verwaltung enger zu gestalten. Wir werden auf diesem Weg Richtung Open Data weiter gehen.

Die Stadt will sich, so das erklärte Ziel, einer weitreichenden Öffnung gegenüber der Zivilgesellschaft unterziehen und schreibt sich dabei die Parole Transparenz, Beteiligung und Zusammenarbeit auf die Fahne. Hierzu gelte es aber, zunächst technisch, organisatorische und rechtliche Fragen zu klären, ein Grund, warum sich die Seite wohl eher langsam mit Leben füllt. Dass der Ratsbeschluss zum „Konzept der Internetstadt“ bereits am 20. September erfolgte, der eingesetzte Blog aber erst drei Wochen später darüber informiert hat, mag man dem Kölschen an sich dann auch gerne verzeihen.

Immerhin, ein paar Datensätze haben es mittlerweile auf die Seite geschafft und sind mit wenigen Klicks maschinenlesbar zum Download bereit. Unter anderem wird der Gesamtfinanzplan komplett auseinander genommen und die einzelnen Positionen detailliert aufgelistet, mit Planzahlen bis ins Jahr 2015. Auch Veranstaltungs- oder Stadtteildaten sind abrufbar. Das ist alles noch sehr ausbaufähig, aber ein Anfang. Immerhin können die Daten nicht nur, wie auf der Seite beschrieben, von der Zivilgesellschaft genutzt werden.

schael-klick.de

schael-klick.de

Gerade für Datenjournalisten ist eine ausgeprägte Datenbank von Verwaltungen eine wahre Goldgrube. Denn wo den Laien die Lust verlässt, wo ihm das Verständnis zur Auswertung und Einordnung fehlen kann, da können Journalisten Abhilfe schaffen. In dem Zusammenhang möchte ich hier auf ein Projekt von befreundeten Journalisten der Konrad-Adenauer-Stiftung aufmerksam machen. Schael-Klick ist nicht nur für Kölner und Immis interessant. Die Seite macht auch deutlich, zu welchen Visualisierungsmöglichkeiten man bereits nach einem kurzen Workshop im Stande sein kann. Möglicherweise ermutigt die steigende Nachfrage nach Daten auch die Stadt Köln, noch schneller und mehr in den Aufbau ihrer Datenbanken zu investieren. Wünschenswert wäre es, die Auswahl des Kölner Projektes erfolgte nämlich aus eher subjektiven Gesichtspunkten. Wie weit man mit open data schon sein kann, das zeigt der open data showroom von Holger Drewes. Sehr umfangreich erfährt man hier einiges von Regierungsbudgets bis hin zum Toilettentrip-Planer im australischen Outback.

Mirko Lorenz im Interview

Vergesst die Daten, macht Datenjournalismus!

Mirko_Lorenz_Slovenia_Media_Festival Seit 2010 arbeitet Mirko Lorenz intensiv im Bereich Datenjournalismus, insbesondere im Bereich Aus- und Weiterbildung. Zusätzlich hat er gemeinsam mit anderen Datenjournalisten das Tool „Datawrapper“ entwickelt. Frage: Wie gelingt der Einstieg in dieses Arbeitsfeld?

 

 

 

 

 

Mirko, Datenjournalismus ist für viele noch ein Buch mit sieben Siegeln. Was ist für dich Datenjournalismus?

Vorweg: Mir wäre es lieber, wenn die Zusatzbezeichnung „Datenjournalismus“ gar nicht nötig wäre. Eigentlich ist doch die Recherche, Aufbereitung und Erklärung wichtiger Zusammenhänge genau das, was Journalismus sein sollte. Neu und interessant ist allerdings, dass Redaktionen heute Analysen durchführen können, die früher schlicht zu teuer und aufwändig gewesen wären. Ein Stück weit müssen die Medien zur Industrie aufschließen, die schon längst sehr intensiv auf Technik setzt. Beispiele wären H&M oder auch Zara: Die haben einen sehr guten Überblick über ihre Verkaufszahlen, Konsumentenverhalten, weltweite Logistik. In einer solchen Welt kann man nicht einfach nur an der Oberfläche bleiben, Redaktionen müssen sich selbst mit Daten auseinander setzen und lernen, wie man aus unverständlichen Statistiken die für den Leser wichtige Geschichte rausholt.

 

Redaktionen müssen sich etwas einfallen lassen, um auch in Zukunft relevant zu sein.

 

Ist das eine typische Journalistenkrankheit, dass man den großen Wirtschaftsunternehmen einige Schritte hinterher hinkt?

Nein, das ist ganz normal. In den letzten Jahrzehnten konnten sich die meisten Medien ja auf recht gut funktionierende Geschäftsmodelle verlassen. Jetzt allerdings verändert sich das: Durch das Internet wird die Kommunikation neu strukturiert, wir bekommen unsere Nachrichten nicht mehr allein auf Papier, sondern auf Bildschirmen unterschiedlicher Größen. Als Folge werden jetzt schrittweise die Werbegelder neu verteilt. Gerade Redaktionen müssen sich also jetzt etwas einfallen lassen, um auch in Zukunft relevant zu sein. Datenjournalismus ist ein Versuch, Tiefe, Kontext und Zusammenhänge aufzuzeigen. Natürlich etwas aufwändiger, aber machbar und lernbar. Zugleich ist es auch ein Gegenentwurf zur Tendenz vieler Online-Medien, immer stärker Elemente des Boulevard-Journalismus zu nutzen, um Klicks zu generieren.

 

                       Großer Bedarf an wirklich guten Inhalten

 

Zumal dieser Wettbewerb um Aufmerksamkeit auf Dauer nicht zu gewinnen ist. Wenn es danach ginge, dann müsste Facebook jetzt schon das größte Medienunternehmen der Welt sein. Die schicken allen Nutzern jeden Tag Mails, wo drin steht, der und der fand deinen Beitrag gut. Das ist maximale Aufmerksamkeit, aber kein Journalismus. Journalismus soll nicht Kapriolen vorführen, sondern den Leuten klipp und klar erklären, was da eigentlich los ist und warum es uns betrifft. Und es ist ja auch so viel möglich: Für Leute, die Content produzieren, sind eigentlich positive Zeiten, weil ein derartig großer Bedarf an wirklich guten Inhalten besteht. Datenjournalismus kann ein Weg sein, um solche Inhalte zu produzieren.

Wie interessant ist vor dem Hintergrund die Einführung der neuen Facebook- Suchfunktion?

Schwer zu sagen, dazu weiß ich letztlich zu wenig über die Technik und die Strategie. Sicher ist aber: Facebook versucht mit neuen Funktionen seine Marktstellung weiter auszubauen und natürlich werden dazu Datenanalysen genutzt. Aus Sicht von Journalisten ist das ein weiterer Beleg, dass diese Technologien im Moment unverzichtbar sind – wir müssen allerdings erst lernen, wie sich solche Analysen im Sinne der Öffentlichkeit, also ohne Ausspähen oder Nutzung privater Informationen, sinnvoll nutzen lassen.

Wenn man sich erstmals mit dem Datenjournalismus befassen will, ist das oft verwirrend und kompliziert. Wie können Nachwuchsjournalisten in den Bereich einsteigen?

Beim Datenjournalismus verbinden sich Recherchetechniken, Visualisierung und Programmierung zu einem interessanten Arbeitsfeld. Mein Tipp lautet: Viele Bücher über korrekte Visualisierung lesen und dann anfangen, mit konkreten Fragestellungen und Projekten. Ein Weg kann sein, sich einfach mal die Datengeschichten der New York Times oder des Guardian anzusehen und dann die besten Stories mit Daten aus Deutschland oder Europa nachzuvollziehen. So lernt man das wahrscheinlich am schnellsten, es braucht aber Ausdauer. Und man sollte das eigentliche Ziel im Blick behalten: Es geht nicht um Zahlen, es geht um Menschen, sagt Amanda Cox von der New York Times. Es geht um die Fähigkeit lange Exceltabellen in eine interessante Einsicht, Enthüllung oder relevante Zusammenhänge aufzulösen. Also: Daten in Geschichten verwandeln.

 

                             Daten in Geschichten verwandeln

 

Und wenn man das beherzigt, dann gibt es ja auch Themen, die man schön visualisieren möchte. Du hast hierfür Datawrapper ins Leben gerufen, ein Werkzeug, das ich auch auf diesem Blog kurz vorgestellt habe. Nun bin ich bei meinen ersten Versuchen schnell an meine Grenzen gestoßen und bin über das Balkendiagramm nicht hinaus gekommen. Heißt das jetzt, Leute wie ich sollten einfach die Finger davon lassen?

Es gibt ein ganz großes Missverständnis mit diesen Apps und Tools. Wenn ich Dir eine Kamera in die Hand drücke und sage: “Mach schöne Fotos!”, dann machst du nicht am ersten Tag schöne Fotos. Du musst erst mal verstehen, wie die Kamera funktioniert, die Belichtungszeit, die Blende etc. Bei Datenvisualisierung ist das nicht anders. Man muss das trainieren. Datawrapper ist ein Tool. Wenn du eine gute Datengeschichte hast, kannst du mit Datawrapper einfach und schnell korrekte Grafiken produzieren und publizieren. Nicht mehr und nicht weniger. Allerdings haben wir offenbar eine Nachfrage erfüllt, aktuell wird Datawrapper intensiv von einer Reihe großer Zeitungen genutzt, darunter der GuardianLe MondeLiberation und auch Zeitungen aus Deutschland wie zum Beispiel die Ruhrnachrichten, die Zeit und – testweise – die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Wie arbeitet man sich als interessierter Journalist in das Thema ein?

Leider gibt es hier noch keine systematische Ausbildung. Es gibt viele gut gemachte Tutorials, die meisten aber sind in Englisch. Im Auftrag der ABZV arbeite ich daher jetzt an einer Webseite, auf der deutsche Tutorials veröffentlicht werden.

Ist es also noch nicht zu spät, sich jetzt einzuarbeiten? Glaubst du nicht, dass in wenigen Jahren so viele Journalisten ihren Job datenjournalistisch angehen, dass man zumindest nicht mehr aus der Masse heraus sticht?

Nein, das glaube ich nicht. Das Interessante bei dieser Beschäftigung mit Qualität im Journalismus ist eine Fähigkeit, die sehr eng mit dir als Person verbunden ist, mit deinen Ausdrucksmöglichkeiten. Gute Analysen werden zum Standard werden, mit vielen Chancen für technisch und inhaltlich ausgebildete Journalisten. Man kann ja auch der beste Daten-Rechercheur werden und von Visualisierung keine Ahnung haben. Du kannst dir eine Designkompetenz zulegen und alles selber bauen. Das sind in einigen Jahren die Mitarbeiter, die von Medien gesucht werden.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg in 2013!

 

Spielen erlaubt

Bis wann ist Datenjournalismus noch Journalismus, ab wann nur noch Spielerei? Die Frage mag berechtigt sein, wenn man sich die Visualisierungsmöglichkeiten anschaut, die ab und an für erstaunte Gesichter und Postingwellen in sozialen Netzwerken sorgen. Doch ist es in meinen Augen genau eine dieser Fragen, die sich kreativitätshemmend vor interessierte Journalisten schmeißt, wie ein abgesägter Baumstamm vor eine Dampflok. Dabei zeigen gerade die jüngsten Insolvenzmeldungen deutscher Verlagshäuser, dass man offenbar über Jahre neue Entwicklungen schlicht verschlafen hat. Umso mehr lohnt es sich, die Augen für neue Dinge zu öffnen. Natürlich gibt es im Datenjournalismus Spielereien, natürlich gibt es Fehlgriffe. Nachher ist man immer schlauer. Aber wer hätte gedacht, dass man mit einer kleinen, spielähnlichen Animation die althergebrachte Berichterstattung von Sportereignissen ersetzen kann (ohne dabei unseriös zu werden)? Die New York Times hat es sich auf jeden Fall zugetraut. Das Ergebnis verbirgt sich hinter dem Bild:

Ein tolles Beispiel, wie man mehrere, aussagekräftige Informationen spannend aufbereiten kann. Doch das ist der Vorteil einer so großen und zugleich zukunftsbewussten Redaktion wie der NYT. Aron Pilhofer, der Hauptverantwortliche für den Datenjournalismus, ist sich seiner privilegierten Position durchaus bewusst, bemängelt aber auch in kleineren Redaktionen die Zurückhaltung mit neuen Modellen:

Man braucht keine Redaktion mit hunderten von Mitarbeitern, um großartige datenjournalistische Projekte zu betreiben. Für viele Anwendungen braucht man nur drei Mitarbeiter – einen Journalisten, einen Grafiker und einen Programmierer. Aber viele Medienhäuser sind nicht einmal bereit, sich diese Minimalinvestition zu leisten. Sie möchten alle diese coolen neuen Dinge gerne haben, aber sie wollen sie möglichst billig bekommen. Aber das funktioniert so nicht.”

Das ganze Interview mit Aron Pilhofer gibt es hier:

 

http://blog.buchmesse.de/2012/09/20/nyt-data-journalism/