Foto: Ivo Mayr

DDJ- Fellows gesucht

Gute Recherche hat ihren Preis. Mit einer spannenden Story-Idee ist es oft nicht getan, eine journalistische Aufklärung braucht eben ihre Zeit und die können oder wollen viele Medienhäuser nicht zahlen. So bleiben tolle Ideen unausgesprochen und gesellschaftliche Probleme im Verborgenen, denn kein Journalist kann seine Miete vom Idealismus allein bezahlen. Doch es gibt Möglichkeiten, sich bei intensiven Recherchen unterstützen zu lassen. Ein Stipendium für Datenjournalisten bietet beispielsweise das Berliner Correctiv. Das Recherchebüro wird als gemeinnützige GmbH von diversen Stiftungen und Mitgliedsspenden finanziert. Mit den Geldern fördert man in Berlin nun weitere Journalisten.

Daniel Drepper ist Senior-Reporter beim Correctiv. Sein Steckenpferd ist die Recherche, schon seine Diplomarbeit beschäftigte sich mit der Informationsfreiheit. Mit data16 hat Daniel über das Stipendium gesprochen.
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Daniel, Du warst selbst Fellow am Brown Institute for Media Innovation der Columbia University in New York City. Wie wichtig sind solche Erfahrungen „abroad“ für (junge) Journalisten?

Ich bin ganz lange im Studium nicht ins Ausland gegangen. Ich habe auch kein Erasmus-Semester gemacht und das hab ich immer bereut. Das war einer der Gründe, warum ich nach meinem Diplom nach New York gegangen bin. Das war extrem bereichernd, einfach weil man sich ein Jahr mal aus dem rausnehmen kann, was man davor die Jahre gemacht hat. Man bekommt unendlich viele andere Impressionen, hat eine neue Herausforderung. Es war schon nicht einfach, das ganze Jahr Journalismus auf Englisch zu machen. Auch der Anspruch ist da gefühlt höher, da die Konkurrenz viel größer ist. Das hat sehr gut getan, nochmal so einen Push zu kriegen.

 

Du hast unter anderem die Recherche-Plattform fußball-doping.de gegründet. Jetzt bist Du auch bei correctiv für datenjournalistische Projekte verantwortlich. Wieso dieser Hang zu vermeintlich trockenen Daten?

Daten muss man immer als große Anzahl von Geschichten betrachten, die in erfassbarer Form aufbereitet werden. Gerade bauen wir zum Beispiel eine Datenbank für multiresistente Keime auf. Dabei geht es auch um Erfahrungen von Patienten mit diesen Keimen. Wir haben den Leuten die Möglichkeit gegeben, ihre Erfahrungen über einen Fragebogen sehr strukturiert zu hinterlassen. Da gibt es nun also diese Datenbank, die wir auswerten können. Das ist nichts anderes, als wenn wir mit 800 Leuten Interviews geführt hätten, außer dass es natürlich reduzierter ist.

In einem Fragebogen kann man nicht so viel loswerden, wie in einem einstündigen Interview. Aber man hat ja dennoch eine Masse an Geschichten in dieser Datenbank, die man dann strukturiert auswerten kann. Hinter jedem Datenelement versteckt sich eine Geschichte. Gerade, wenn ich investigativen Recherchejournalismus betreiben will, einen Journalismus, der etwas belegen und vielleicht auch verändern will, dann muss ich Belege haben. Das sind entweder Dokumente oder eben große Mengen an Daten, an Anekdoten, die in ihrer Gesamtheit repräsentativ werden und damit ein strukturelles, systematisches Problem beschreiben. Das muss ja eigentlich immer das Ziel sein von investigativem Journalismus. Man will auch eine Veränderung herbeiführen.Das geht dann nicht mehr mit zwei oder drei Einzelgeschichten.

Wenn ich aber eine große Zahl an Geschichten habe, habe ich einen Datensatz. Egal, ob ich mir den selbst baue, ob ich den per Fragebogen erzeugen lasse, einen vorhandenen Datensatz neu interpretiere oder von meinem Auskunftsrecht bei Behörden Gebrauch mache. Hauptsache ich hab am Ende eine Basis, auf der ich Sachen belegen kann.

 

#FRAGAMFREITAG

Du sprichst das Auskunftsrecht an. Die Informationsfreiheitsgesetze (IFG) waren auch Thema Deiner Abschlussarbeit. Ein komplexes Thema, da die IFG Ländersache sind. Wie schätzt Du hier die Situation ein? Was hat sich da in den letzten Jahren getan?

Das Einzige, was sich verbessert hat, ist, dass sich die Behörden langsam aber sicher daran gewöhnen, dass sie Auskünfte erteilen müssen. Das liegt daran, dass über die Jahre mehr Behörden mit diesen Gesetzen in Kontakt gekommen sind. Diese Auskünfte müssen keine einfachen Dokumente sein, es kann sich eben auch um Datensätze handeln. Die rechtliche Situation hat sich in den letzten Jahren aber nicht verändert. Es gibt einfach verschiedene Bundesländer mit verschiedenen Regelungen. Einige, wie Hamburg, machen das sehr gut, die haben ein vorbildliches Gesetz, andere sind da noch weiter zurück. Am hilfreichsten wäre es, wenn ganz viele Journalisten und auch Bürger sich auf die Informationsfreiheitsgesetze berufen würden. So zeigt man, dass Bedarf besteht, damit sich die Behörden irgendwann mal bewegen. Das ist das Einzige, was helfen kann. Darum geben wir hier bei Correctiv auch Workshops in einigen Städten, in denen wir die Bürger über Ihre Möglichkeiten aufklären. Je mehr Leute mitmachen, desto besser. Dafür haben wir auf twitter auch den neuen Hashtag #FRAGAMFREITAG eingeführt. So wollen wir die Menschen motivieren, einmal wöchentlich Fragen zu stellen. So möchten wir dieses essentielle Tool des Auskunftsrechts für Journalisten und Bürger etablieren.

 

Erst wenn man dann an die Daten kommt, kann man Datenjournalismus betreiben. Wie unterscheidet sich der für Dich eigentlich von normalem Journalismus?

Die Möglichkeiten, Sachen zu belegen, sind einfach vielfältiger, wenn ich mit großen Mengen von Geschichten umgehen kann. Wenn ich Interviews führe, kann ich immer nur über Einzelfälle berichten. Wenn ich aber große Datenmengen sammle, verarbeite und sinnvoll veröffentliche, kann ich ganze Problemgruppen und Strukturen offenlegen. Das ist deutlich eindrucksvoller, wichtiger und besser, um Dinge zu belegen. Natürlich brauche ich die Einzelfälle, die Protagonisten und emotionale Aspekte, um Menschen auf das Thema hinzuweisen, aber um wirklich etwas zu belegen und zu verändern, muss ich diese großen Datensätze haben.

 

Bewerbung noch möglich

Ihr erhaltet finanzielle Unterstützung und fördert damit z.B. Datenjournalismus mit speziellen Fellowships. Wie sieht die Förderung konkret aus?

Wir vergeben zehnmal im Jahr ein zweimonatiges Fellowship. Die Zeit muss nicht voll bei uns im Büro abgeleistet werden. Trotzdem freuen wir uns natürlich über möglichst lange Präsenzzeiten in Berlin, weil im direkten Kontakt die Abstimmung einfach besser funktioniert. In der ersten Jahreshälfte haben wir fünf Fellows hier. Für die zweite Hälfte kann man sich noch bis zum 15. März bewerben. Gefördert wird das Fellowship von der Rudolf-Augstein-Stiftung (gemeinnützige Stiftung aus dem Nachlass des ehemaligen “SPIEGEL”- Verlegers, Anm. d. Redaktion). Die hat uns überhaupt erst ermöglicht, die Fellows zu bezahlen. Immerhin können die teilweise keine anderen Geschichten nebenher machen, manche müssen sich unbezahlten Urlaub nehmen. Auch eine Unterkunft in Berlin wird finanziert.

 

Die Förderbeträge sind also individuell?

Ja, genau. Das kommt darauf an, wie aufwendig das Projekt ist, manche brauchen auch einfach mehr Zeit. Es ist immer so, dass man davon leben kann.

 

Derzeit sitzt eine Stipendiatin bei Euch im Büro. Erzähl mal, was macht die gerade?

Unsere aktuelle Fellow ist Vanessa Wormer, die sonst bei der Heilbronner Stimme als Online-Redakteurin arbeitet. Vanessa hat sich schon vorher immer wieder für Open Data und Datenjournalismus interessiert und auch schon ein paar spannende Projekte veröffentlicht. Bei uns recherchiert sie jetzt systematische Datengeschichten im Bereich Pflege. Da schaut sie aktuell, was überhaupt möglich ist. Es ist bei Datengeschichten ja oft so, dass man besondere Geschichten machen will, denen dann aber die Datengrundlage fehlt. Vanessa hat daher gerade einen Fächer von fünf, sechs möglichen Geschichten und schaut nun, welche sie mit Daten umsetzen kann. Das läuft bisher sehr angenehm. Vanessa ist jetzt eine Woche hier und am Anfang haben wir uns zusammengesetzt mit ihr, Programmierern und noch drei anderen Kollegen. Da waren auch welche dabei, die sich mit dem Bereich Pflege schon befasst haben. So können wir das sehr gut koordinieren und helfen, wo es möglich ist. Auch beim Thema Auskunftsrechte stehen wir dann natürlich zur Seite. Gerade kombinieren wir die Stärken von Vanessa mit denen von Correctiv und wollen uns dann in den nächsten zwei Wochen auf eine Geschichte fokussieren.

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Daniel Drepper betreut die Fellows während des Stipendiums Fotos: Ivo Mayr

Datenjournalismus wird in Deutschland beachtet, aber in vielen Redaktionen nicht wirklich gefördert. Wie helft Ihr denn den Fellows, die Stories nachher an die Redaktionen heranzutragen?

Wir helfen natürlich und sehen nach Kooperationspartnern. Ich glaube aber auch, dass in den Redaktionen ein Umdenken eingesetzt hat. Als Datenjournalismus in Deutschland aufkam, wurde dieser oft mit Datenvisualisierung gleich gesetzt. Dabei ging es dann um den schönen Effekt. Eigentlich liegt die Betonung auf dem Journalismus im Wort Datenjournalismus. Ich glaube, das kommt jetzt mehr und mehr. Das ist das, was die Amerikaner seit 40 Jahren machen, da heißt es dann computer assistet reporting (CAR) oder precision journalism. Da geht es mehr um die Wissenschaftlichkeit als um die einzelne Geschichte.

 

Muss ein Datenjournalist programmieren können oder reicht es aus, ein Teamplayer zu sein?

Ich finde, jeder sollte das machen, worauf er Lust hat. Wenn jemand das Gefühl hat, dass es ihm zusagt, macht es sicherlich Sinn, auch Code zu verstehen und einen Scraper bauen zu können. Genauso macht es Sinn, Statistikprogramme wie R nutzen zu können. Wenn man da überhaupt keinen Bock drauf hat und den Zugang nicht findet, ist es auch gut, sich soweit rein zu lesen, dass man versteht, wie alles funktioniert, offen für Neues ist und sich überlegt, wie man was einsetzen kann. Man muss dann eben nicht stundenlang Tabellen abtippen, sondern weiß, dass ein Kollege die gleiche Tabelle in zwanzig Minuten erstellen kann. Ich zum Beispiel bin kein Coder. Ich kann nicht programmieren. Ich habe in den USA ein bisschen mit R gearbeitet und kann in Programmiersprachen grob ablesen, was sie aussagen. Das ist aber nicht meine Stärke. Die liegt darin, dass ich mich mit Auskunftsrechten auskenne und weiß, wie man als Journalist mit Menschen rede. Ich weiß, was eine Geschichte ist. Wenn so eine Seite einem eher liegt, ist das auch okay.

 

Große Chance für neue Ideen

Jetzt gibt es aber ein großes Problem. Viele Redaktionen können sich keine gute Recherche mehr leisten. Da ist so ein Fellowship sicherlich eine interessante Alternative für Journalisten. Ist das die Finanzierungsform der Zukunft oder wird es bei einzelnen Leuchtturmprojekten bleiben?

Ich glaube, dass es mehr werden wird, viel mehr. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass solche Institutionen, wie die New York Times in den USA oder der Spiegel in Deutschland überleben, einfach weil es sehr starke Einrichtungen sind, die sich in entscheidenden Momenten gegen andere starke Einrichtungen (wie den Staat, Polizei, Justiz) durchsetzen können. Wenn man nur noch kleine Büros mit wenigen Mitarbeitern hat, kann das schwierig werden. Dann muss man sich vielleicht Partner suchen, die bereit sind, die vierte Gewalt zu verteidigen. Vielleicht muss man dann stärker mit Unis kooperieren, die dann hinter einem stehen, wenn man sich beispielsweise gegen den Staat wehrt. Ich glaube, dass es viel mehr wird und ich glaube, das die Chancen gerade sehr groß sind, was innovatives aufzuziehen, weil aus großen Einheiten seltener neue Sachen entstehen. Deswegen bin ich da schon sehr zuversichtlich.

 

Daniel, vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Ivo Mayr

 

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