Serious? Games?

Newsgame Storyboards
Wie beim Film: Storyboards geben erste Eindrücke von den Games.
Foto: Guy Degen

Mischt man gelbe und blaue Flüssigkeit, erhält man eine grüne. Klingt banal und wenn man es nicht weiß, kann man es jederzeit nachschlagen. Ich muss es aber nicht nachschlagen, denn es hat sich bei mir eingebrannt. Schuld daran ist Guybrush Threepwood, mächtiger Pirat, der mit der gemischten grünen Flüssigkeit den Spuck-Wettbewerb auf Booty Island gewinnen kann. Das ist die erste Erinnerung, die ich mit spielerischem Lernen verbinde. Aber als Newsgame geht Monkey Island deswegen vielleicht doch noch nicht durch. Denn Newsgames sind eine ganz neue Kategorie im Journalismus, zumindest in Deutschland. Das hier der ein oder andere überhaupt schon mal davon gehört hat, liegt möglicherweise an Marcus Bösch. Der Journalist hat gerade den ersten Newsgame-Hackathon Europas in Köln organisiert. Dabei haben sich Teams aus Journalisten, Programmierern und Game-Designern zusammengetan, um in kürzester Zeit Newsgames zu entwickeln. Data16 hat bei Marcus Bösch nachgefragt, was es mit dieser neuen Art von Journalismus auf sich hat.

 

Marcus Bösch
Marcus Bösch
Foto: Guy Degen 

 

 

Marcus, Was sind überhaupt Newsgames?

 

Newsgames bezeichnen die Kombination aus digitalen Spielen und journalistischen Inhalten. Das ist ein Konzept, was seit gut zehn Jahren international ausprobiert wird. Newsgames kommen aus dem angelsächsischen Raum, sind inzwischen aber auch sehr erfolgreich in anderen Ländern eingesetzt worden, bspw. in Brasilien und Frankreich. Deutschland hinkt da ein bisschen hinterher und das würde ich gerne ändern.

 

Das kennt man ja auch vom Datenjournalismus. Wieso hängt Deutschland mal wieder hinterher?

 

In Deutschland ist der Druck noch nicht so hoch. Es gibt noch ein sehr pluralistisches Mediensystem, es gibt viele tolle Qualitätsblätter. Wenn es einem gut geht, ist der Druck auch nicht so hoch, etwas ändern zu wollen. In den USA sieht das anders aus. Da gibt es einige mittelgroße Städte ohne eigene Lokalzeitung, das ist eine ganz andere Ausgangslage.

 

Du würdest also gerne etwas ändern in Deutschland. Heißt das, Du willst mehr Journalisten motivieren, sich mit Newsgames zu beschäftigen oder möchtest Du denn Markt selbst stärker bedienen?

 

Ich hab da schon einen  breiten, idealistischen Zugang. Nach der inzwischen doch relativ flächendeckenden Verbreitung von Datenjournalismus und der Nutzung von Datenvisualisierungen, denke ich, dass die Auseinandersetzung mit Games den Journalismus auch in Deutschland im 21. Jhd. , der ja zumeist auf digitalen Ein- und Ausgabegeräten funktioniert, durchaus noch ein bisschen weiter bringen könnte. Der Ansporn ist, das Thema einfach mehr zu etablieren und dafür zu sorgen, dass es noch mehr interaktive, spielerische, journalistische Produkte gibt. Und natürlich möchte ich mit meinem Game Studio the Good Evil auch mehr Newsgames für Kunden umsetzen.

 

Bei dem Newsgame-Hackathon gab es nun immer Teams, deren Mitglieder sich gegenseitig ergänzt haben. So gab es unter anderem einen Journalisten und einen Programmierer in jedem Team. Wie sinnvoll ist es vor diesem Hintergrund für Journalisten, das coden auch selbst zu lernen?

newsgame over
Ein Grundverständnis vom Programmieren sollten Journalisten mitbringen.
Foto: Guy Degen

 

Was generell glaub ich sehr wichtig ist, ist ein grundlegendes Verständnis von Programmierung, von  Grafik, von User-Experience und technischen Vorgängen im Allgemeinen. Denn nur mit einer gewissen Grundkenntnis kann man dann auch auf Augenhöhe mit den jeweiligen Team-Mitgliedern kommunizieren. Ich glaube, dass erfolgversprechende Konzepte in Zukunft von kleinen, aber handlungsfähigen Teams erstellt werden.

 

Wie bekommen Interessierte denn dieses  grundlegende Verständnis, wenn bisher noch keine Berührungspunkte da waren?

 

Erstmal sollte man herausfinden, was einen aus diesem großen Feld der neuen Möglichkeiten wirklich interessiert. Dann gibt es mittlerweile unfassbar viele video-gestützte oder interaktive Tutorials im Netz, ergänzend dazu kilometerweise Lektüre oder sonstige Angebote. Also daran mangelt es sicher nicht. Umso wichtiger ist aber eine klare Fokussierung im Vorfeld, um herauszufinden, was man eigentlich können will und was man können muss. Denn wenn man jetzt wahllos mit unzähligen Tutorials startet, ist das wohl eher kontraproduktiv.

 

Wo kann der blutige Anfänger also einsteigen, ohne sich direkt zu verrennen?

 

Da gibt es einige Online-Dienste mit schönen generellen Einführungen (bspw. Coursea.org) zum Thema Transmedia oder Gamification. Da kann man erstmal  gucken und sich vielleicht erst dann auf einen passenden Weg fokussieren. Es wird zunehmend aber auch noch mehr CMS-basierte Lösungengeben, mit denen man einfache Spiele oder Datenvisualisierungen umsetzen kann, ohne jetzt selber großartig coden zu müssen. Siehe beispielsweise Datawrapper o.ä.

 

Du selber hast in Köln den berufsbegleitenden Master Game Development and Research absolviert. Ist das ein Weg, den Du im Nachhinein für Interessierte empfehlen kannst oder ist das eine Nummer zu hoch für unerfahrene Neugierige?

 

Es deckt auf jeden Fall Grundbedürfnisse und öffnet Türen und Fenster. Dann kann man immer noch entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Ob man jetzt wirklich selber programmieren können will oder ob man nicht eher sein Heil im Game-Design sucht und findet. So ein Studium dient natürlich noch mal der Fokussierung und ist eine schöne Möglichkeit, Zeit und Raum zu haben, um Wissen einzusammeln.

 

Nochmal zu dem Newsgame-Hackathon, den du gerade in Köln organisiert hast. Das war der erste dieser Art in Europa. Wie war die Premiere?

 

Ich bin sehr, sehr zufrieden mit unserem Newsgame-Hackathon, weil wir sehr hochkarätige internationale Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten. Da waren Journalistinnen und Journalisten vom Guardian, von Le Monde, Menschen aus Schweden und Spanien, Leute, die sonst für die BBC oder Wired in Großbritannien arbeiten. Aber auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk war vertreten mit dem NDR und der Deutschen Welle, dann ein komplettes Team der Süddeutschen Zeitung… also es war eine sehr heterogene, aber sehr gute Gruppe beisammen.

 

Man muss aber nicht schon einen Namen in der Szene haben, um bei einem Hackathon mitzumischen?

 

Man konnte sich im Vorfeld bewerben. Uns war wichtig, dass wir später Teams hatten, die aus Journalisten, Programmierern und Game-Designern bestehen, damit man im Team auch wirklich was schaffen kann. Wenn man ein Team hat aus fünf Journalisten, die noch nie in ihrem Leben ein Game gemacht haben, wird nach anderthalb Tagen vermutlich auch nichts rauskommen, was spielbar ist. Genauso sieht es aus bei einem Team, das aus vier Programmieren aus, die ohne Input eines Game Designers bzw. ohne journalistischen Input bleiben.

 

Siehst du in Newsgames die Zukunft des Journalismus?

 

Das ist sicher nicht DIE Zukunft des Journalismus, aber vielleicht EINE mögliche. Die Zukunft kennt ja nun leider niemand. Der einzige Weg sie zu entdecken ist, Dinge auszuprobieren. Newsgames haben einen großen Vorteil: Sie sind eine Hybrid-Lösung. Sie verbinden zwei Sachen, die man nicht direkt miteinander in Verbindung bringen würde. Das ist stark, da kommen oft interessante und spannende Lösungen raus. Im Vordergrund stand wirklich das schnelle Ausprobieren, um sofort evaluieren zu können: ist das was oder eben nicht. Das ist eine ganz andere Herangehensweise als die der klassischen Medien. Da gibt es oft Projekte mit monatelangen Laufzeiten, die manchmal die ganze Mühe dann aber vielleicht gar nicht wert sind, weil sie niemand anschaut.

 

Du leistest in der deutschen Newsgame-Szene Pionierarbeit. Kann man als interessierter Journalist noch auf den Zug aufspringen?

 

Klar, in Deutschland gibt es erst ein einziges Newsgame, welches wir im letzten Jahr als the Good Evil an vier Tagen prototypisch umgesetzt haben. Da ist also noch sehr viel Luft nach oben. Also immer her mit den Versuchen und Beispielen. Es gibt zahlreiche Tools wie Construct oder Gamemaker, mit denen man im Baukastenprinzip Games zusammenbauen kann. Da kann ich nur jeden zu ermuntern.

 

Wo Du schon the Good Evil ansprichst: „The Good Evil is developing serious games“. So steht es auf der Homepage. Was sind serious games?

 

Serious Games ist vielleicht eine unglückliche Vokabel, es gibt im Moment aber leider noch keine andere, die sich durchgesetzt hätte. Die Idee dahinter ist einfach. Wir machen Spiele, mit denen man etwas lernen kann, etwas erfahren kann. Spiele, die nicht nur da sind, damit man sich locker flockig unterhalten kann. Bei uns gibt es beispielsweise eine Abenteuerspiel-App für Kinder: Squirrel & Bear. Während man das spielt, kommt man in Kontakt mit 900 englischen Vokabeln und kann zumindest ein Grundverständnis für die Sprache entwickeln. Wir haben auch ein Puzzlespiel, das Spaß macht, zugleich aber Bilder aus dem Bundesarchiv zeigt, die einen durch die deutsche Geschichte führen. Die Kombination aus Wissen, Erlebnissen und Interaktivität ist uns wichtig.

 

Bei der App hast Du konkrete Download-Zahlen. Wie wird sie angenommen?

 

Es funktioniert gut. Das Feedback von Eltern und Kindern ist positiv. Ich glaube, das ist eingebettet in einen Prozess, der so aussieht: Das Lernen und Lehren im 21. Jahrhundert funktioniert nicht mehr nur mit Schultafeln und Kreide,  Lernen wird viel individueller, interaktiver und digitaler. Wenn Lernen dann auch wieder neu Spaß macht, weil man etwas selber erleben kann, statt ein Lehrbuch zu lesen, weist das, glaube ich, den richtigen Weg. Das wird nicht alles in zwei, drei Jahren passieren, aber ich bin ganz sicher, dass das der Weg ist, den wir in den nächsten Jahrzehnten gehen werden. In dieser Entwicklungslinie sehen wir uns und wollen noch zahlreiche, weitere Spiele umsetzen.

 

Marcus, Danke für das Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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